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Der Garten der Philosophen

Der Weg zum guten Leben – Die Lehren der Stoiker

# Eine Philosophie des Lebens

Lesezeit:  11 Minuten

Philosophie war frĂŒher eine praktische Wissenschaft: Sie sollte die Frage beantworten, wie man ein gutes Leben fĂŒhrt. Heute ist das ganz anders.

FĂŒr die einen besteht »Philosophie« aus kitschigen KĂŒhlschrank-Postkarten und pseudo-motivierenden Wand-Tattoos mit irgendwelchen – meist englischen –KalendersprĂŒchelchen. FĂŒr die anderen – das sind diejenigen, die man heute als »Philosophen« bezeichnet, weil sie es studiert haben – ist Philosophie nichts anderes als ein Duell darum, wer die komplexeren, oft völlig lebensfremden Sachverhalte besser argumentiert. Schach mit Wörtern, sozusagen. Ich nenne die erste Gruppe Lifestyle-Philosophen und die zweite Gruppe Elfenbeinturm-Philsophen.

Das sind natĂŒrlich die beiden Extreme – und bewusst provokant formuliert. Aber wirklich: Philosophie ist heutzutage entweder irgendein flaches Bullshit-Gelaber ĂŒber den »Sinn des Lebens« und alles was »deep« ist – oder eine völlig abstrakte Diskussion um Wortnuancen und feinste Unterschiede bei der Definition von Begriffen. Beide Bereiche haben ihre Daseinsberechtigung – das ist klar. Aber sie sind von einer Philosophie im klassischen Sinne – einer Philosophie fĂŒr ein gutes Leben – so weit entfernt wie Zazas Elfmeter vom Tor.

Die heutige Verwendung der Philosophie hat nichts mehr mit ihrem ursprĂŒnglichen Anspruch zu tun. Damit meine ich ganz konkret, dass Philosophie eben nicht mehr dafĂŒr genutzt wird, wofĂŒr sie eigentlich da ist: als Werkzeugkasten, der es einem ermöglicht, ein gutes Leben zu fĂŒhren. Das hat auch der Schweizer Bestseller-Autor Rolf Dobelli erkannt und darĂŒber unlĂ€ngst einen weiteren Bestseller geschrieben. Viele der dort vorhandenen RatschlĂ€ge stammen von den Stoikern. Von den Prinzipien und Techniken, die diese alten Griechen und vor allem Römer nutzten, wird auch dieser Artikel handeln.

# Die innovativen Amerikaner

In den USA – die uns natĂŒrlich wieder weit voraus sind – erleben die Stoiker im Übrigen bereits seit einigen Jahren eine Renaissance. Dort hat William B. Irvine bereits 2008 ein sehr gutes Buch ĂŒber die Stoiker geschrieben: »A Guide To The Good Life: The Ancient Art Of Stoic Joy«. Auch der bekannte Unternehmer und Autor Tim Ferriss hat die Stoiker – und insbesondere wie Unternehmer ihre Techniken nutzen können – 2009 in einem Artikel beschrieben.

Wirklich populĂ€r gemacht hat Ryan Holiday dann aber den stoicism. 2015 erschien sein Buch »The Obstacle is the Way: The Ancient Art of Turning Adversity to Advantage« und nur ein Jahr spĂ€ter »The Daily Stoic: 366 Meditations on Wisdom, Perseverance, and the Art of Living: Featuring new translations of Seneca, Epictetus, and Marcus Aurelius«. Auch die drei reichsten Menschen der Welt — Bezos, Buffett und Gates – sind bekanntermaßen [große AnhĂ€nger]der stoischen Lehre.

# Die lahmen Deutschen

In Deutschland hört man von den Stoikern dagegen wenig bis gar nichts. Altkanzler Helmut Schmidt war ein Fan von Marc Aurel – das ist bekannt. PopulĂ€r sind die Stoiker allerdings keineswegs. Schließlich sind deren Schriften ja auch schon völlig veraltet und lesen sich dazu auch noch so mĂŒhsam 
 Die Wahrheit aber ist folgende: die Ideen der Stoiker sind heute aktueller denn je.

Ich kann und will in diesem Artikel keine historisch korrekte Abhandlung ĂŒber die Geschichte der Stoiker abliefern. Das können Historiker weit besser. Allerdings kann ich einige der stoischen Prinzipien und Techniken erklĂ€ren, die ich persönlich sehr effektiv finde. Ich kann jedem die LektĂŒre der Werke von Seneca und Marc Aurel empfehlen, auch wenn sie sprachlich nicht dem entsprechen, was man von heutigen Texten gewohnt ist.

# Die Stoa

Bevor ich mich den Prinzipien der Stoiker widme, kurz zur Geschichte. Die Stoa ist eine philosophische Strömung aus Griechenland, die sich aus den Zynikern herausbildete. Den Höhepunkt erreichte die Stoa allerdings im alten Rom. Die bekanntesten Stoiker sind Marc Aurel, römischer Kaiser, Seneca, Dichter und Philosoph und Epiktet, ebenfalls Philosoph. Anstelle einer langen geschichtlichen Abhandlung ĂŒber die Stoiker möchte ich direkt in medias res gehen: Was also sind wichtige stoische Prinzipien, die auch heute noch bedeutend sind?

# Stoische Prinzipien und Techniken

Im Nachfolgenden möchte ich fĂŒnf Prinzipien und Techniken der Stoiker vorstellen. Dabei lasse ich die großen Stoiker selbst zu Wort kommen und halte mich im Hintergrund. Dennoch beschreibe ich kurz, was mit den Prinzipien gemeint ist.

Inhalt

  1. Im Einklang mit der Natur leben: Das tun, wofĂŒr man geschaffen ist
  2. Tugendhaft leben:: Weisheit, Gerechtigkeit, Disziplin
  3. Sich der Endlichkeit des Lebens bewusst sein: Memento mori
  4. Negative Visualisierung ĂŒben:: Sich das Schlimmste vorstellen
  5. Der Fels in der Brandung sein: Amor fati

# 1. Im Einklang mit der Natur leben: Das tun, wofĂŒr man geschaffen ist

Die Kernbotschaft der stoischen Philosophie lautet: Lebe im Einklang mit der Natur. Seneca beschreibt das so:

Eine weitere, ergiebige Quelle von Ärgernissen ist die krankhafte Sucht, dir ein erkĂŒnsteltes Aussehen zu geben und dich niemandem in deiner natĂŒrlichen Gestalt zu zeigen, eine nicht vereinzelte Erscheinung; denn die Zahl derer ist nicht gering, die ein Leben fĂŒhren voller Verstellung und auf den prunkenden Schein berechnet. —Seneca (Von der Seelenruhe)

Und auch Mark Aurel schlÀgt in eine Àhnliche Kerbe:

Wenn der in uns herrschende Geist sich in einem naturgemĂ€ĂŸen Zustande befindet, so nimmt er den Ereignissen gegenĂŒber eine solche Stellung ein, daß er sich jederzeit in das Mögliche und Gegebene mit Leichtigkeit zu finden weiß. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Was genau bedeutet es, im Einklang mit der Natur zu leben? Ich finde, der nachfolgende Text von Mark Aurel beschreibt dies am besten:

Wenn du des Morgens so trĂ€ge aufstehst, so laß dir den Gedanken zur Hand sein: »Ich erwache, um als Mensch zu wirken.« Was soll ich nun verdrießlich sein, wenn ich hingehe, zu tun, weshalb ich geboren und wozu ich in die Welt eingefĂŒhrt worden bin? Oder bin ich dazu geschaffen worden, um auf meinem Lager liegend mich zu wĂ€rmen? »Aber das ist eben angenehmer.« Du bist also zur Lust geboren und gar nicht zur TĂ€tigkeit? —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Die erste Lehre der Stoiker lautet also: Lebe im Einklang mit der Natur. Als Mensch bedeutet das: Gebe dich einer Sache hin, die Bedeutung hat. Suche im Leben nach meaning. Das hat auch der zuletzt populÀr gewordene Kanadier Jordan Peterson erkannt. Hier ein Video dazu: https://www.youtube.com/watch?v=NX2ep5fCJZ8

# 2. Tugendhaft leben: Weisheit, Gerechtigkeit, Disziplin

Um im Einklang mit der Natur zu leben, muss man tugendhaft leben. Das ist das zweite Gebot der Stoiker. Tugendhaft zu leben, bedeutet, das richtige zu tun: Die Tugend leitet den Weg. Was bedeutet es, tugendhaft zu leben? Seneca sagt dazu:

Wohlan denn, man lasse der Tugend den Vortritt, und jeder Schritt wird gesichert sein. Ein Übermaß von Lust ist schĂ€dlich: bei der Tugend braucht man nicht zu fĂŒrchten, daß ein Übermaß bei ihr eintrete, denn in ihr selbst liegt ja das Maß. Das ist kein Gut, was mit seiner eigenen GrĂ¶ĂŸe zu ringen hat. Wer von Natur ein vernunftbegabtes Wesen ist, was kann dem Besseres dargeboten werden als die Vernunft? —Seneca (Von der Seelenruhe)

Laut Seneca muss man der Tugend den Vortritt lassen. Daher werden die Stoiker oft als Gegenspieler zu den hedonistischen Epikureern gesehen:

Und wenn du Gefallen findest an jener Verdoppelung von Tugend und Lust und nur in diesem Geleite den Weg zum glĂŒcklichen Leben zurĂŒcklegen willst, gut, so gehe die Tugend voran, die Lust sei nur ihr Begleiter und schwebe wie ein Schatten um den Körper. Die Tugend, diese erhabenste Herrscherin, zur Magd der Lust zu machen, dazu kann nur der sich verstehen, dem fĂŒr wirkliche GrĂ¶ĂŸe jede Auffassung fehlt. —Seneca (Von der Seelenruhe)

Auch Marc Aurel hat etwas dazu zu sagen:

Jederzeit sei ernstlich darauf bedacht, als Römer und als Mann die dir obliegenden GeschĂ€fte mit gewissenhaftem und ungekĂŒnsteltem Ernste, mit warmer Menschenliebe, Freimut und Gerechtigkeit zu vollziehen und alle anderen Einbildungen von dir fern zu halten. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Er fĂŒgt folgende Tugenden hinzu:

Zeige demnach das an dir, was ganz in deiner Macht steht, Lauterkeit, Ehrbarkeit, Geduld in Unlust, Erhabenheit ĂŒber Lust, Zufriedenheit mit deinem Geschick, GenĂŒgsamkeit, Wohlwollen, FreimĂŒtigkeit, Einfachheit, Ernsthaftigkeit und SeelengrĂ¶ĂŸe! —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

# 3. Sich der Endlichkeit des Lebens bewusst sein: Memento mori:

Die Stoiker glauben, dass nichts von Dauer ist: Alles ist vergĂ€nglich. Auch ich teile diese Auffassung. Kein Zustand bleibt fĂŒr immer bestehen – damit mĂŒssen wir uns abfinden. Das hat auch Steve Jobs, der 2004 mit einer Krebserkrankung kurz vor dem Tod stand bemerkt. EindrĂŒcklich schildert er seine Lehren in dieser bekannten Standord-Commencement-Speech: [https://www.youtube.com/watch?v=UF8uR6Z6KLc]

Ohne den Tod dagegen wĂ€re die Zeit, die wir haben, nicht mehr so wertvoll. Gut, dass es den Tod gibt – denn er hilft uns, unsere Zeit wertzuschĂ€tzen. Das sagt Marc Aurel dazu:

Wir mĂŒssen uns also beeilen, nicht nur weil wir dem Tode mit jedem Augenblicke nĂ€her kommen, sondern auch deswegen, weil das Vermögen, die Dinge zu verstehen und zu verfolgen, oft schon frĂŒher aufhört. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Und:

All dein Tun und Denken sei so beschaffen, als ob du möglicherweise im Augenblick aus diesem Leben scheiden solltest. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Weiter:

Richte dich nicht so ein, als solltest du noch zehntausend Jahre leben. Dein Ende ist schon nahe! Vielmehr, solange du lebst, solange es in deiner Macht steht, sei gut! —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Und abschließend:

Folgende zwei Wahrheiten muß man sich also merken: einmal, daß von Ewigkeit her alles gleich sei und sich im Kreise bewege und daß es keinen Unterschied mache, ob einer dieselben Dinge hundert oder zweihundert Jahre oder eine grenzenlose Zeit hindurch beobachte; zum anderen, daß der LĂ€ngstlebende und der sehr bald Dahinsterbende gleichviel verlieren; denn nur der gegenwĂ€rtige Augenblick ist es, dessen jeder verlustig gehen kann, da er ja diesen doch allein besitzt; was einer aber nicht besitzt, das kann er auch nicht verlieren. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Es bringt nichts, der reichste Mensch auf dem Friedhof zu sein. Das Leben ist endlich. Wenn wir uns dessen bewusst sind, bekommt die Zeit, die wir zur VerfĂŒgung haben, eine neue Bedeutung.

# 4. Negative Visualisierung ĂŒben: Sich das Schlimmste vorstellen

In Deutschland geht es uns gut. Wir beschweren uns zwar immer, aber es könnte viel schlimmer sein. Das ist die negative Visualisierung.

Marc Aurel dazu:

Auf die Zukunft nahm er von ferne schon Bedacht und machte ohne viel Aufhebens sich auf die geringsten VorfĂ€lle gefaßt. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Wenn wir Schlimmes antizipieren, kann es uns nichts anhaben. Das gilt insbesondere auch fĂŒr weniger freundliche Mitmenschen:

Gleich in der ersten Morgenstunde sage zu dir: Heute werde ich mit einem vorwitzigen, undankbaren, ĂŒbermĂŒtigen, rĂ€nkevollen, verleumderischen, ungeselligen Menschen zusammentreffen. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

# 5. Der Fels in der Brandung sein: Amor fati:

Kommen wir zum letzten Prinzip der Stoiker: Dinge, die wir nicht Ă€ndern können, zu akzeptieren. Der bekannte Fels in der Brandung ist die Metapher fĂŒr diese Einstellung. Den Fels finden wir schon bei Marc Aurel in diesem wundervollen Text:

Sei wie ein Fels, an dem sich bestĂ€ndig die Wellen brechen! Er bleibt stehen, und rings um ihn legen sich die angeschwollenen GewĂ€sser! —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Hier ein weiterer Ausschnitt aus Marc Aurels Texten:

Die Außendinge selbst berĂŒhren die Seele auf keinerlei Weise. Sie haben keinen Eingang zu ihr und können die Seele weder umstimmen noch irgendwie bewegen. Sie erteilt sich vielmehr selber allein Stimmung und Bewegung, und nach Maßgabe der Urteile, welche sie ĂŒber ihren eigenen Wert fĂ€llt, gestaltet sie auch die ihr vorliegenden Dinge. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Stoische Ruhe zeigt so sich:

Dort aber mutig zu ertragen, hier nĂŒchtern zu bleiben, verrĂ€t einen Mann von vollendeter und unbesiegbarer GeistesstĂ€rke, und in diesem Lichte zeigte er sich wĂ€hrend der Krankheit des Maximus. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Dass man in Zeiten des Erfolges einen kĂŒhlen Kopf bewahren sollte, sieht man an diesem Text:

Es widerfĂ€hrt dir etwas? Gut! Es ist dir von Anfang an nach dem Lauf des Alls so bestimmt und jedes Begegnis durch SchicksalsfĂŒgung beschieden worden. Überhaupt aber: kurz ist das Leben; von der Gegenwart muß man durch wohlĂŒberlegtes und rechtschaffenes Tun Gewinn ziehen. Auch in Erholungsstunden bleibe nĂŒchtern! —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Abschließend dieser kurze Text:

Unter den Wahrheiten aber, welche dir am meisten zur Hand sein mĂŒssen, richte vorzĂŒglich auf folgende zwei dein Augenmerk: einmal, daß die GegenstĂ€nde der Sinnenwelt deine Seele nicht berĂŒhren, sondern Außendinge sind und unbeweglich bleiben, mithin Störungen deines Seelenfriedens nur aus deiner Einbildung entstehen, und dann, daß alles, was du siehst, gar schnell sich verĂ€ndert und nicht mehr sein wird. Und von wievielen VerĂ€nderungen bist du selbst schon Augenzeuge gewesen! ErwĂ€ge doch ohne Unterlaß: Die Welt beruht auf Wechsel, das Leben auf Meinung. —Marc Aurel (Wege zu sich selbst)

Amor fati bedeutet »Liebe dein Schicksal«. Wir haben nur begrenzt Kontrolle darĂŒber, was in unserem Leben passiert. Alles, worauf wir keinen Einfluss haben, mĂŒssen wir hinnehmen.

Das sind die sechs Prinzipien der Stoiker. Sicherlich gibt es noch mehr ĂŒber die Stoiker zu sagen, aber dieser Text soll in erster Linie einen Einstieg in die Philosophie der Stoiker geben. FĂŒr mich persönlich ist der Stoizismus eine praktische Lebensphilosophie, weit entfernt von den PlattitĂŒden der Lifestyle-Philosophen und dem lebensfernen Argumentationen der Elfenbeinturm-Philosophen.